09.08.2021

Change by Design or by Disaster?


Der sogenannte "Weltklimarat" (IPCC), das für die Klimawissenschaft zuständige UN-Gremium, hat am 9. August 2021 den ersten Teil seines 6. Sachstandsberichts (AR6) vorgestellt. Im Zentrum des Berichts stehen Ursachen und Ausmaße des menschengemachten Klimawandels. Behandelt werden unter anderem Extremwetterereignisse, d.h. die zunehmenden Dürren, Hitzewellen oder Überflutungskatastrophen sowie ihr Zusammenhang mit dem fortschreitenden Klimawandel ("Attribution"). Beschrieben werden Rückkopplungen im Klimasystem, die voraussichtliche Entwicklung in der Zukunft sowie das noch zur Verfügung stehende Kohlenstoffbudget.
Nach dem letzten Bericht im Jahr 2013 ist dies die aktuellste und vollständigste Veröffentlichung zum Stand der Klimaforschung und zur breit abgesicherten wissenschaftlichen Beurteilung des Klimawandels.

Der 6. Sachstandsbericht zeigt, dass sich die Klimakrise in den letzten Jahren stark verschärft hat. Extremwetterereignisse ereignen sich entsprechend immer häufiger. Die Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz, extreme Hitze und Waldbrände im Mittelmeerraum bestätigen die Klimaszenarien des IPCC. Das bedeutet, die Klimakrise kommt nicht - sie ist bereits da! Ihre Bekämpfung erfordert unmittelbar entschiedenes politisches Handeln. Der IPCC-Bericht zeigt auch, dass jedes vermiedene Zehntel-°C Temperaturerhöhung zählt. Noch besteht - auch das ist die IPCC-Botschaft - die Zeit für ein Change by Design not by Disaster. Auch wenn diese Zeit immer knapper wird und die anstehenden Umsetzungsprozesse zunehmend schneller verlaufen müssen.
Um den globalen Temperaturanstieg zu bremsen, müssen in allen Sektoren die Emissionen massiv sinken. Das Umsteuern in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen (Industrie, Energieversorgung, Mobilität, Wohnen, Lebensstil) muss dafür jetzt beginnen und innerhalb dieses Jahrzehnts weit vorangebracht werden.
Noch ist Zeit für ein "Change by Design not by Disaster". Voraussetzung dafür ist eine zügige, konsequente und ambitionierte Transformationspolitik.
Diese muss eine zentrale Aufgabe der neu gewählten Bundesregierung sein. Sie muss schnell handeln und klare, ambitionierte Ziele und Rahmenbedingungen in den genannten Bereichen schaffen. Zu hoffen ist, dass die Regierungskonstellation dieser Aufgabe politisch gewachsen ist.
In NRW im Besonderen muss der Wandel beschleunigt werden und sich bewähren. Als Energieland mit seinen bedeutenden industriellen Kernen, seiner komplexen Infrastruktur und seiner großen urbanen Dichte ist unser Bundesland Prüfstand für erfolgreichen Klimaschutz und die Transformation in Deutschland.
Soziale Spaltungen und wirtschaftliche Strukturbrüche müssen dabei vermieden werden. Eine Deindustrialisierung durch Abwanderung der Industrie wäre nicht nur sozial, sondern auch für den Klimaschutz eine Katastrophe. Die Arbeitsplätze der Zukunft müssen darüber hinaus sozialverträglich ausgestattet sein und den Kriterien der "Guten Arbeit" entsprechen. Schließlich gilt auch beim Klimaschutz: "Leave no one behind!" Die große Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft darf keine Steilvorlage für manipulative Untergangsszenarien der neuen Rechte werden.
Wenn nachhaltige Entwicklung, Klimaschutz und auch die Anpassung an den nicht mehr abwendbaren Klimawandel hier gelingen, dann ist das ein Vorbild für viele andere Industrieregionen weltweit. Das drückt die besondere Verantwortung Deutschlands und NRWs aus.
Von großer Bedeutung wird dabei sein, dass die Förderprogramme zur Überwindung der Pandemie mit Zielen einer "echten" nachhaltigen Entwicklung verknüpft werden (green recovery).
Es wird auch notwendig sein, mit Effizienz- und Suffizienzstrategien und einer breitangelegten Lebensstildebatte, Wege in eine sozial gerechte Postwachstumsgesellschaft zu bahnen. Dabei werden Wachstums-Narrative kritisch zu hinterfragen sein.

Nicht nur die Industrie wird sich transformieren müssen, sondern auch wir selbst werden uns ändern (müssen). Im Zeichen des Klimaschutzes und der Bewahrung der uns anvertrauten Schöpfung werden wir lernen, einfacher zu leben, damit nachfolgende Generationen einfach leben können.
Um falschen Fantasien vorzugreifen: Es geht perspektivisch nicht darum, zukünftig in "Armut" zu leben. Vielmehr gilt es, in Zukunft einen Wohlstand zu leben, der "verallgemeinerungsfähig" ist, einen Wohlstand, der gerecht verteilt ist, ein Wohlstand, den alle Menschen im Norden und Süden leben können, ohne dass darüber die planetaren Grenzen zerbrechen und unser Klimasystem kollabiert.

Klaus Breyer

Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft