Es ist Zeit - Die Gesellschaft im Widerstreit zwischen Zeitempfinden, physikalischen, biologischen und gesellschaftlichen Zeitgebern

07. - 08. November 2020

Zeit ist die elementarste Dimension unseres Lebens. Gelebt scheint sie selbstverständlich; bedacht bleibt sie ein Rätsel. Die jeweilige Auffassung von Zeit prägt das gesellschaftliche Leben tiefgreifend. Das 'Zeitregime' der Moderne führt in unsere Steigerungs- und Beschleunigungsgesellschaft mit ihren Erfahrungen der 'Hast' und Leistungsüberforderung (Assmann/ Osten).Was weniger bedacht wird, ist die Tatsache, dass sich in diesen prägenden Zeitgebern, die Zeitauffassungen der Naturwissenschaften durchsetzen. So das Diktat der objektiven Uhrzeit der klassischen Physik über die Maschinenwelt bis in die Organisation von Gesellschaft. Heute diktiert das Zeitmaß der Lichtgeschwindigkeit' und der Quantenwelt unser digitales Leben in der Informationsgesellschaft (Görnitz). Zeit und Raum sind fast in Echtzeit überwunden, wenn unsere Welt auf dem Bildschirm erscheint oder über Daten präsent gemacht wird. Die Folgen dieses Zeitregimes für das vitale Leben, für Bildung und Arbeitsleben sind immens. Wir leben aber in Raum und Zeit der natürlichen Welt und personalen Kommunikation. Beide Zeiten geraten in Konflikt. Die Chronobiologie klärt uns darüber auf, dass unser Körper auf viele biologische Zeitgeber eingerichtet ist, die mit dem natürlichen Tag-Nachtrhythmen verbunden sind (Oster). Deren Missachtung führt zu Destabilisierung, Schlaflosigkeit und Krankheit. Das gilt es in seiner persönlichen und gesellschaftlichen Tragweite bewusst zu machen. Am rätselhaftesten ist jedoch unsere Zeit-Erfahrung. Wovon hängt es ab, dass die Zeit für uns je nach Alter und Situation mal beschleunigt mal verlangsamt vergeht? Solche Fragen stellt sich heute die Psychologie der subjektiven Zeiterfahrung (Sedlmeier). Sie bestimmt über unser Selbstgefühl und Befinden mit weitreichenden persönlichen und gesellschaftliche Auswirkungen. In der Praxis von Achtsamkeit, Verlangsamung und Meditation sucht man nach einer gelingenden Zeitpraxis. Aber all diese Zeitgeber gründen in der existentiellen Erfahrung der Endlichkeit unserer Lebenszeit im Konflikt zwischen Lebendigsein und Vergänglichkeit (Gerhardt). Ihr entspringen jedoch auch Erfahrungen der Zeitenthobenheit, die in Literatur und Kunst als Augenblicke des Einbruchs der 'Ewigkeit' gefeiert werden (Osten, Link). Wie kann und soll man diese Zeiterfahrungen einschätzen und ihren Konflikt austragen? Über die Suche nach einer 'life and work balance' hinaus?

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